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Kurt möchte nur (Segel)Fliegen

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Wir m?chten euch hier die Geschichte von Kurt erz?hlen.
Er ist gesund, er w?rde in jedem anderen europ?ischen Land problemlos ein Tauglichkeitszeugnis bekommen, nur nicht in Deutschland. Nach JAR-FCL-deutsch sind aufw?ndige und teure Sondergutachten erforderlich, deren Ausgang v?llig offen ist.
Au?er Spesen nichts gewesen hei?t es in einigen F?llen.

Wieder ein Opfer einer aberwitzigen B?rokratie und eines Dr. K., f?r den Flieger?rzte 'nichts, absolut nichts' sind. Lest selber, was ein Leidtragender zu berichten hat.


Im mittlerweile vierzigsten Lebensjahr will ich mir meinen Jugendtraum vom Fliegen erf?llen. Ich bin gesund, irgendwelche Leiden sind mir nicht bekannt, insbesondere nachdem ich vor zwei oder drei Jahren mal zu einem allgemeinen und sehr gr?ndlichen Checkup bei meiner Haus?rztin war, die bis auf ein paar Kilo ?bergewicht nichts an mir auszusetzen hatte.

Einzige Ausnahme: die Augen. Auf der Verpackung meiner Tageslinsen, die ich zum Schwimmen trage, stehen die Werte -5,0 und -5,5. Na ja, ein Auge knapp ?ber der Grenze, aber vielleicht habe ich Gl?ck und rutsche noch gerade so durch.

Also habe ich mit einem Fliegerarzt telefoniert, der mich an einen Augenarzt verwiesen hat, der zur Durchf?hrung der Augenuntersuchung f?r die fliegerische Erstuntersuchung berechtigt ist. Hier kam die ?berraschung: meine Refraktionswerte sind am freien Auge deutlich schlechter als die Werte meiner Kontaktlinsen. Wie ich mittlerweile lernen musste, ist das tats?chlich so und hat was damit zu tun, dass die Linsen naturgem?? direkt auf dem Auge getragen werden. Ich liege also weit ?ber den f?r die Erstuntersuchung zul?ssigen Wert von -5 Dioptrien, aber noch unter dem maximal (mit Sondergutachten) zul?ssigen von -8.

Was also tun? Ich k?nnte zum Fliegerarzt gehen, der muss mich wegen des Refraktionsfehlers untauglich schreiben, dagegen kann ich beim LBA Einspruch einlegen, das LBA schickt mich zum Gutachten zum AMC. Alles nat?rlich kostenpflichtig, am teuersten ist das LBA, das zwar von allen Beteiligten die wenigste Arbeit hat, sich diese aber mit 650,- Euro vergolden l?sst. Nach intensiver Recherche entscheide ich mich daf?r, gleich zum AMC zu gehen und dort die Erstuntersuchung durchf?hren zu lassen. Dorthin muss ich so oder so, also mache ich gleich alles in einem Aufwasch, mit etwas Gl?ck senkt das auch die Gesamtkosten. Das n?chste AMC (und das einzige in Bayern) ist das Flugmedizinische Institut der Luftwaffe am Fliegerhorst in F?rstenfeldbruck.

?ber die ?rzte und das ?brige Personal kann ich mich nicht beklagen; die scheinen dazugelernt zu haben, dass es Zivilisten gibt, denen gegen?ber ein milit?rischer Umgangston nicht angebracht ist. Die Organisation ist nat?rlich b?rokratisch (mit einem verschlossenen K?fferchen von Station zu Station gehen, jeder Arzt steckt dann seine Befunde in das K?fferchen). Aber viel unb?rokratischer wird es wohl in einem Krankenhaus auch nicht sein, wenn man mehrere Untersuchungen nacheinander machen muss. Es gibt zwar einen Verteiler, der die Leute zu den einzelnen Abteilungen schickt, zu dem musste ich aber nicht, sondern mein Papierkram wurde von einem freundlichen Leutnant im Auftrag des Chefs erledigt. Auch ?ber telefonische Ausk?nfte vorab gibt es nichts negatives zu sagen.

Nun ist der Umgangston das eine, das wichtigste war mir nat?rlich das Ergebnis der Untersuchung. Allgemeink?rperlich ist bei mir alles in Ordnung, das hatte ich auch nicht anders erwartet. Schlie?lich war ich vor zwei oder drei Jahren mal bei einem Check Up bei meiner Haus?rztin, die nichts auff?lliges gefunden hat und dass zwischenzeitlich etwas neues dazugekommen sein sollte, war auch nicht zu erwarten.

Die spannendste Station war also der Augenarzt. Bei der Vermessung meiner Augen mit dem Automarefraktometer stutzte der junge Helfer ein wenig, aber der Arzt, der gerade vorbeikam, sagte ihm, dass sei so schon richtig und ?ber -5 Dioptrien seien kein Ausschlusskriterium per se. Dann einzelne Untersuchungen: Farbsehen perfekt, D?mmerungssehen super, Stereosehen spitze. Auf zum Gesichtsfeld. Rechtes Auge ok, alle 120 Lichtblitze erkannt.

Dann die b?se ?berraschung: das linke Auge. Ich habe die Gesichtsfeldpr?fung drei mal mit dem linken Auge gemacht, mit Pausen dazwischen zur Erholung. Und ich habe tats?chlich einen Ausfall im Gesichtsfeld des linken Auges in einem Sektor bei circa drei bis vier Uhr, also vom fokussierten Punkt zur Nase hin. Von 120 Lichtblitzen habe ich links 15 nicht erkannt.

Die Brille bzw. Refraktionsschw?che sei kein Problem, meinte der Arzt. Korrigiert sehe ich 100%, mehr braucht man nicht einmal nach deutschen Vorschriften. Mein Auge ist organisch gesund, da ist nichts Negatives zu erkennen und er hat sich beide Augen sehr lange und gr?ndlich angeschaut. Aber das Gesichtsfeld. In der JAR-FCL-deutsch hei?t es: "Bewerber mit beeintr?chtigtem Gesichtsfeld m?ssen als untauglich eingestuft werden." Im Anhang 13 steht zwar ein kleines bisschen zu Ausnahmen, aber das betrifft nur Verl?ngerungsuntersuchungen. Ich habe das nat?rlich gleich nachgelesen, da ist wirklich nichts legal zu machen.

Ich hatte damit gerechnet, dass die wegen meiner Refraktionswerte im Ausnahmebereich rumzicken, aber das da was anderes ist, damit nicht. Ich hatte neulich bei dem Augenarzt, bei dem ich vorab war, schon mal eine Gesichtsfeldpr?fung gemacht. Auf seinem Ergebnis-Ausdruck sind tats?chlich auch Ausf?lle in genau diesem Bereich zu sehen. An und f?r sich h?tte dieser Arzt darauf kommen m?ssen, dass da ein Problem sein k?nnte, das schwerer wiegt als meine "normale" Sehschw?che. Dann h?tte er mir die Untersuchung (und die Kosten) beim AMC erspart und ich h?tte mir gleich eine andere L?sung gesucht.

Andererseits frage ich mich, was die Regelung in der JAR-FCL-deutsch wirklich hei?t. Muss sich "das Gesichtsfeld" wirklich auf jedes einzelne Auge beziehen? Oder legt das AMC die Vorschriften in vorauseilendem Gehorsam strengstm?glich aus? Dass mich das Ergebnis ?berrascht hatte, fand der der Augenarzt am AMC nicht erstaunlich, denn im Alltag gleicht das andere Auge die Schw?che des anderen aus und ich pflege stets mit beiden Augen ins Leben zu blicken.

Nat?rlich musste ich bei meiner Ausgangssituation mit einem negativen Bescheid rechnen, aber dass das Aus aus einer ganz anderen Ecke kommt, hat mich ziemlich schwer getroffen. Ich bin ja nicht nur als Brillentr?ger (seit der Grundschule) schon ?fter bei Augenuntersuchungen gewesen, sondern ich habe auch seit fr?hen Studententagen (seit ich 22 war) einen F?hrerschein zur Fahrgastbef?rderung, vulgo Taxischein, den ich bisher auch immer habe verl?ngern lassen, um die Lizenz nicht einfach auslaufen zu lassen. Dazu braucht man auch ein ?rztliches Attest (von einem besonders befugten Arbeitsmediziner) einschlie?lich Sehtest und Gesichtsfeld. Niemals, wirklich niemals hat irgendein Arzt gesagt, dass ich Probleme mit einem eingeschr?nkten Gesichtsfeld h?tte und im Alltag merke ich ja sowieso nichts.

Bisher habe ich auch noch jeden Betrunkenen gesehen, der nachts bei Regen zwischen geparkten Autos auf die Stra?e gewankt ist. Motorrad fahre ich auch, meistens zwar eher gelassen, aber durchaus z?gig und gelegentlich mal flott, unfallfrei seit ?ber 20 Jahren. Also gehe ich davon aus, dass ich auch in der fliegerischen Praxis kein Problem habe, nur mit den deutschen Vorschriften und deren Handhabung.

Ich habe den Augenarzt ganz direkt gefragt, ob er eine Untauglichkeit in meinem Fall f?r flugmedizinisch sinnvoll h?lt. Darauf hat er ausweichend geantwortet, dass das so in den JAR-FCL-deutsch (die Gesetzescharakter haben) steht und dass er da ?berhaupt keinen Spielraum habe. Ich interpretiere das so, dass es in der Praxis eben nicht sinnvoll ist, sonst h?tte er mir ja auch ins Gesicht sagen k?nnen, dass ich eine Gefahr f?r den Luftverkehr w?re und dass es gut sei, wenn ich am Boden bleibe. Hat er aber nicht. Und au?erdem geh?rt die Untauglichkeit bei eingeschr?nktem Gesichtsfeld zu den Dingen, die in der geplanten ?nderung der JAR-FCL-deutsch wegfallen oder zumindest gelockert werden sollen.

Wann die aber kommt ist schwer zu sagen. Die Leute vom AMC trauen sich da gar keine Aussage zu machen, von einem normalen Fliegerarzt habe ich geh?rt: Ende dieses Jahres vielleicht. Auf eine Anfrage ?ber das Kontaktformular auf der Homepage des Verkehrsministeriums habe ich (immerhin innerhalb weniger Tage) Anfang Juni 2006 folgende Auskunft erhalten:

"Bei dem ... Beschluss des Bundesrates (Drucksache 853/05) handelt es sich um eine Stellungnahme zum Vorschlag f?r eine Verordnung des Europ?ischen Parlaments und des Rates zur ?nderung der Verordnung (EG) Nr. 1592/2002.

Die zeitliche Umsetzung ... zur Festlegung gemeinsamer Vorschriften f?r die Zivilluftfahrt und zur Errichtung einer Europ?ischen Agentur f?r Flugsicherheit liegt allein bei der EASA.

Ihre Fragen richten sich an die ?bernahme der Bereiche Luftfahrtpersonal / Lizenzwesen durch die EASA. Ob die EASA wie urspr?nglich geplant im Jahr 2007 diesen Bereich ?bernehmen wird, oder ob es eher 2008 / 2009 soweit sein wird, wissen wir leider nicht.

Unabh?ngig davon hat das BMVBS einen ?nderungsentwurf LuftVZO / LuftPersV erarbeitet, der zur Stellungnahme den L?ndern und Verb?nden vorgelegt wurde. Ein abschlie?ender Entwurf, der dem Bundesrat vorgelegt werden kann, wird in den n?chsten Wochen fertig gestellt sein. Mit einer Umsetzung ist dann wohl erst Anfang 2007 zu rechnen."

Am Boden bleibe ich aber trotzdem nicht. Ich finde nach wie vor, dass es einen Versuch wert war, ganz normal in Deutschland nach deutschem Recht fliegen zu d?rfen. Wenn das nicht geht, gibt es immer noch die freundlichen Nachbarn im Osten, die vermutlich auch nach meiner ver?nderten Sachlage erheblich weniger Probleme machen als unsere Beamten.
Zuletzt aktualisiert am Montag, 07. Oktober 2013 um 10:14 Uhr